La Polla über der Serra. Altissimo Südwand, wo alle Wege enden

  

Nicht aller Marmor kommt von Carrara.- Im hier beschriebenen Revier sind wir noch 10 km Luftlinie davon entfernt. Von Pietrasanta kommend, fährt man über Valecchia. Vor der Abzweigung nach Serravezza bleibt man links.

Die Straße vor der Serrabrücke (ca. 100 m ü NN), vorbei am silbern/goldenen Wasserhahn, jetzt mit schönem Büffelkarren-Denkmal ist asphaltiert (via altissimo), kann man bis ca. 400 m Höhe fahren. Man passiert Riomagno und Malbacco und verstreute, abgängige Marmorbetriebe und Zufahrten zu alten Brüchen.

 

In den Jahren ca. 1991 ... 2011 sind wir fast jährlich das Tal hochgefahren.

 

In der „letzten“ Kehre kann man auf einem Pfad, der jeden Sommer wieder freigehauen wird, in das obere Serratal kommen.

 

Nach La Polla muss man höher. Am Abzweig mit allerhand Hinweis-und Verbotsschildern gelangt man auf eine angewalzte Steinbruchstrasse (marmifera), die am Casa Henraux, einem herausragenden Hausklotz, vorbeiführt. Mit dem normalen Auto kann es schwierig werden, die Straße ist aber auch mit einem Tor für Touristen gesperrt. Die Straße wird von einem kleinen Blockstrom gekreuzt, der bei Hochwasser die Straße dicht spült. Am Casa Henraux auf ca. 500 m Höhe sind zur Straße hin Schutzplanken gebaut. In den letzten Jahren (ca. 2010) wurde von André Schuurmann (von der Bildhauergruppe Azzano) geplant, hier ein bed and breakfast zu errichten, das Haus erhielt so den Namen Palazzo dell´ Altissimo. Das wurde aber nicht realisiert und am Haus steht ein Schild, dass das Haus kein bad an breakfirst ist, sondern ein Privathaus. Man sieht Kindersachen und Bewohnunordnung.

  

Weiter am Haus vorbei kommt man schließlich zu einer Schranke (sbarra), die immer zu ist, wenn oben nicht gearbeitet wird. Hier passen ein oder zwei Autos hin. Die Höhe ist etwa 600 m.

 

Hier ist die Localita La Polla. Dabei muss man nicht an Geflügel denken, es heißt Die Quelle. Und das gewaltige Ding haben wir denn schließlich auch gesehen.

 

Zu Anfang unserer Serra-Zeit war die Luft Tag und Nacht erfüllt vom Betriebsgeräusch der wahrscheinlich 3-zylindrigen Hochdruckpumpe des Wasserwerks zur Versorgung der höher liegenden Brüche. Durch das Gitter des Pumpenhauses konnte man die Plunger- oder Tauchkolbenpumpen laufen sehen. Vielleicht ist ein ähnliches Aggregat noch am Ausgang des Ravaccione-Tunnels vorhanden. Manometer bis 60 bar (entspricht ca. 600m Höhe). Unter dem Heulen des Antriebes und dem Schlagggeräusch der Ventile passierten wir das kombinierte Pumpenhaus / cabina elettrica. Heute sind leise Kreiselpumpen am Werk, die das Wasser in die Steinbrüche pumpen. (Erntewürdiger Marmor wächst nur oben am Berg. Unten ist er zerbröselt durch den Bergdruck und durch das Regenwasser. Marmor schneidet man mit einer Drahtschlinge (früher: mit Sand, heute: mit Hartmetall besetzten Perlen). Zur Kühlung und zum Rausspülen des Schneidmehls braucht man das Wasser.) 

 

Und hier fanden wir den Gedenkstein der guten Mutter von Tacca Bianca. Er wurde von den Wasserstößen ins vibrieren gebracht, das Rohr lief unter uns durch (1990).

 

Der Gedenkstein wurde von Leone Tommasi am 22. September 1964 hergestellt und erreichte damals mit der Seilbahn die Tacca Bianca ca. 1180m Höhe. Er zeigt als Marmor-Relief Maria mit dem Kind, welches die Ärmchen ausgebreitet hat. Darunter liegt ein Seilpaket, durch das die Brechstange und der Steinbruchhammer gesteckt sind. Um das Reliefbild aus weißem Marmor läuft als Zierde das dicke gedrehte Seil einmal herum.Ein Text wendet sich an die geschundenen cavatori und spendet ihnen Trost. Eine Widmung ist von D. Giovanni Dini.

Am 30. August 1979, nachdem Tacca Bianca verlassen war, erhielt der Stein seine neue Heimat auf La Polla. Er bekam einen neuen Nischenstein mit el. Beleuchtung von der cabina und eine Zusatztafel, mit dem Vermerk der Umstellung, gewidmet von den cavatori und Freunden.

 

Direkt neben dem Stein der guten Mutter befanden sich die Reste der unteren Tacca-bianca-Seilbahnstation.

 

Zum 22. September 1996 entstand hier eine schmucke Anlage: die alte Seilbahnstation mit ihrem halbkreisförmigen Grundriss wurde mit hübscher Architektur in eine kleine Gedenk-Kapelle umgebaut. Die Mutter erhielt darin einen Ehrenplatz geradeaus von der Gittertür, und weitere Gedenktafeln kamen dazu: 1997 fanden wir eine Marmortafel mit 12 Namen für die Toten der Steinbrüche, eine Gedenkplakette für Gino Natali, und eine weitere für den bei einer Exkursion verunglückten Stefano Leonardi, 19 Jahre alt, verunglückt am 22.September 1982. Es sind kleine Marmortäfelchen mit eingravierter Schrift, die mit roter und schwarzer Farbe ausgelegt ist.

Blumenvasen brachten Schmuck in diesen stillen Ort, im Fußboden wurde eine Glasplatte eingelassen, durch die man, auch elektrisch beleuchtbar, das große, schräg liegende Umlenkrad für das Antriebsseil der alten Tacca Bianca- Seilbahn bewundern kann.

Ältere Girlanden und Papierfähnchen über diesem Platz zeigen eine gelegentliche kirchliche Festbenutzung an.-

Eine größere Bebauung ist hier nicht mehr festzustellen, einige Wasserbecken und Röhren hängen über dem Talabsturz, das Pumpenhaus hat ein stets gefülltes Ansaugbecken, in das wir auch mal eingetaucht sind. Es diente auch als Flaschenkühler.

 

Die Fahrstraße kurvt nach rechts aus dem Platz, wo sie sofort steil ansteigt. Wir bleiben unten und halten uns links, wo der Fahrweg halbkreisförmig in den Blockstrom (ravaneti) einbiegt. In diesem Halbkreis, an der rechten Marmorwand, fanden wir 10 weiße Marmortafeln mit Metallbuchstaben. Sie enthielten das Sonnengebet des heiligen Franziskus. Die Tafeln sind jetzt kaputt, zum Glück sind sie Anfang der 90-er Jahre noch fotografiert worden. Die Texte sind in altem Italienisch gehalten mit 4 bis 6 Zeilen Text.  „LAUDATO SI, MI SIGNORE, PER LA SORA LUNA E LE STELLE, IN CELU L`HAI FORMATE CLARITE ET PRETIOSE ET BELLE“, so lautet der Lobpreis für Mond und Sterne.- Die Tafeln folgen unten als Anhang.

 

Auf der Talseite des ebenen Platzes sind die Reste der cantina, die schön mit Marmor-Arbeitsflächen und einem Herd eingerichtet war. Hinter der Kantine sind auf einem Klotz Seilbahnreste zu erkennen, die vielleicht mit den Tätigkeiten unten in der Serra zusammenhängen. Der Blockstrom (von der c. mossa, 850m) hat den ganzen Serralauf mit weißen Steinen zugeschottert. Er wurde in wechselnden Perioden von hier aus wieder abgebaut und zu den Kalk- Pulverfabriken ins Tal gefahren. An dieser Stelle konnten wir 2011 auch die freigeschürfte Serraquelle finden und betreten. Auf der anderen Talseite, nach durchqueren des Blockstromes (wenn es denn gefahrlos möglich ist) geht ein ausgesetzter Bergpfad weiter, sentiero dei cavatori, sentiero fanfani. Für uns ist es der Lufthansaweg, denn auf einer Nachmittags- u. Abendwanderung haben wir am Montag, 23.7.1990, 19.15, unseren Umkehrpunkt markiert, indem wir ein Lufthansa- Erfrischungstuchpäckchen (in Folie) in eine Geteinsspalte gepresst haben.

 

Zurück nach La Polla, denn jetzt geht es wirklich rauf. Die Straße ist teilweise als Halbtunnel eingehauen, muss aber von den größten Lastwagen gemeistert werden. Eine hübsche Gruppe alter Umlenkrollen (potó, Pulegge) auf einem Riesenklotz wartet am Wege. Der nächste Steinbruch dürfte die cava  mossa / massa / michelangelo / sein, auf 850m. Weiter geht es nach oben, ein auffälliger Höhlensteinbruch ist schon sichtbar. Über die verpolterte Straße und eine Scharte kommt man hinein, wahrscheinlich cava macchietta, 1081 m. Hier gab es 1990 eine Rast mit schönem Gebäck von der Mamma. Umkehr 16.50, Wolken.

 

1997, schließlich, versuchten wir noch höher zu kommen. Auf der Steinbruch-Straße, die schmaler, zugeschüttet, schließlich zum Pfad wird. Ein kleiner Fußgängertunnel wird passiert, dann Ende in einer Steilwand. Ein „Eisenhaken“, für uns damals mehr ein Witz, bildet den einzigen Halt für den Weiterweg.-

 

Damit endeten zunächst unsere Forschungen am Altissimo.

 

Auf einem schönen Panoramafoto von M, 2010, kann man mittig unseren Höhlensteinbruch sehen, sowie die darüberliegende cava Tacca Bianca mit einem noch größeren Ausbruch und einer riesigen Stützmauer, daneben, wie Hühner auf einer Stange, eine Reihe kleiner Steinbruchhäuschen entlang eines schmalen Felsbandes.-

Via tavoloni hieß ein frei hängender Steinbruchpfad, der hier oben einen Zugang herstellte. Am Felsen hängende Eisenwinkel, in die unten und zur Seite Planken eingehängt waren, bildeten die luftige Konstruktion an senkrechter Wand. Sollte unser Eisenhaken ein Teil davon gewesen sein? –

 

Chr. Fa. u. Freunde, HH, 4.2017, Ursprung Brief an TR Stand 12. 2013.

 

Achtung, Vorsicht. Dies ist ein altes Industriegelände. Immer noch können große Lastwagen die schmalen Straßen hoch und runter brummen. Man muss ihnen augenblicklich Raum geben, und die Kurven anhupen und horchen, Ausweichstellen merken.

Das Gelände ist stark ausgesetzt, die Kanten und den Tiefblick muss man vermeiden. Sollte das Wetter umschlagen, ist ohne zu säumen, Rückzug angeraten. Regenjacke einstecken. Wir mussten erfahren, dass Regen große Steine zum Absturz bringen kann. - –

 

 

 

 

    

 

 

 

 

  Die Schrifttafeln des Sonnengebetes vom Heiligen Franziskus  

 

Da standen wir, unterhalb des Altissimo und fanden die erste Marmortafel, schon etwas überwachsen. Die Übersetzung hatten wir nicht. Das Wort Altissimo, der Höchste, tauchte auf der Tafel zweimal auf, einmal mit u geschrieben. Ein Zufall?- In voller Nachmittagssonne, unter Büschen, leuchteten die nächsten Tafeln:

 

 

Höchster, allmächtiger,

guter Herr,

dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre

und jeglicher Segen.

Dir allein, Höchster, gebühren sie,

und kein Mensch ist würdig, Dich zu nennen.

 

 

Gelobt seist du, mein Herr,

mit allen Deinen Geschöpfen,

zumal dem Herrn Bruder Sonne;

er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.

Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,

Dein Sinnbild, o Höchster.

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch Schwester Mond und die Sterne;

am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend

und kostbar und schön.

 

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch Bruder Wind

und durch Luft und Wolken und heiteren Himmel

und jegliches Wetter,

durch das Du Deinen Geschöpfen

den Unterhalt gibst.

 

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch Schwester Wasser,

gar nützlich ist es und demütig

und kostbar und keusch.

 

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch Bruder Feuer,

durch das Du die Nacht erleuchtest;

und schön ist es und liebenswürdig

und kraftvoll und stark.

 

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch unsere Schwester, Mutter Erde,

die uns ernähret und trägt

und vielfältige Früchte hervorbringt

und bunte Blumen und Kräuter.

 

 

 

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch jene, die verzeihen

um Deiner Liebe willen

und Krankheit ertragen

und Drangsal:

Selig jene, die solches ertragen in Frieden,

denn von Dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

 

 

<

Gelobt seist Du, mein Herr,

durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;

ihm kann kein lebender Mensch entrinnen;

Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben;

Selig jene, die sich in Deinem heiligsten Willen finden,

denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

 

 

 

Lobt und preist

meinen Herrn

und sagt Ihm Dank

und dient Ihm mit großer Demut.

 

 

 

Den Film, der diese Aufnahmen, enthält, haben wir wie einen Schatz aufgehoben. Dankbar für Erde, Sonne, Mond, Himmel, Wasser, Wind, Luft, Wolken, Sterne und Feuer teilen wir ihn heute mit den Findern dieser Seite. Möge er auch dort gut aufgehoben sein. Auch auf Leid und Tod bereiten uns die Texte vor. Danke, dass wir hier immer gut behütet wurden.

Die Tafeln sind inzwischen verschwunden. Über ihr Schicksal wissen wir nichts. Vielleicht würden die Kirchenleute in Azzano oder in Serravezza Auskunft geben können.-

 

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© Martin Ricken